aus der aktuellen Ausgabe

Leitartikel - 2022/1

Es reicht - oder?

 
Noch ist die Corona-Pandemie mit all den wirtschaftlichen oder gar den persönlichen Folgeschäden nicht überwunden, da überschattet das nächste Unheil unsere Welt und unser aller Leben.
So plötzlich wie die Pandemie, so überraschend herrscht nun auf einmal Krieg in Europa. 
Es wird sich zeigen: Wie bei Corona, so gab es wahrscheinlich auch in diesem Fall einige Experten, die so eine Krise kommen sahen und die Welt schon längere Zeit davor gewarnt hatten. Die meisten von uns allerdings haben, wenn sie ehrlich sind, mit so etwas nicht im Traum gerechnet – nicht mit einer Pandemie und nicht mit einem Krieg, der uns so nahe ist und z.B. unsere Energieversorgung so elementar betrifft.
Es reicht jetzt wirklich – oder? Das ist tatsächlich eine wichtige Frage. Reichen uns diese beiden globalen Krisen, um unser Leben, unseren Glauben und unsere Beziehungen (zu Gott, zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zur Mitschöpfung) neu zu denken, zu verstehen, zu leben?
Im Angesicht seines Leidens und seines Todes am Kreuz sagte Jesus: „Ich habe euch das alles gesagt, damit ihr in mir Frieden habt. Hier auf der Erde werdet ihr viel Schweres erleben. Aber habt Mut, denn ich habe die Welt überwunden.“ (Johannesevangelium, Kapitel 16, Vers 33 – Übersetzung: Neues Leben. Die Bibel)
Als Erstes fällt mir ins Auge, dass Jesus hier das Leben auf der Erde sehr realistisch beschreibt. Ihr werdet viel Schweres erleben. In der Lutherbibel wird übersetzt: In der Welt habt ihr Angst. Jesus hatte also nicht nur für sich selbst schwere Stunden vor Augen, sondern wusste, dass auch das Leben seiner Schüler und unser aller Leben nicht nur aus eitel Sonnenschein besteht. Klar, das wollen wir eigentlich nicht hören und das – das Schwere nämlich – wollen wir nicht haben. Oft blenden wir es einfach aus. Wir verschweigen es oder wir verdrängen es. Manche Menschen können das Schwere nur verkraften, indem sie sich bewusst ablenken oder sogar berauschen.
Dem Schweren ins Auge zu schauen oder gar standzuhalten, das fällt nicht leicht. An dieser Stelle vermeiden Jesus und die ganze Heilige Schrift jegliche Verharmlosung. Nein, mit netten Sprüchen und positiven Parolen allein ist da wenig getan – und seien die Sprüche noch so fromm.
Jesus hat es gesagt, wie es ist, auf dieser armen Erde. Das Leben kann manchmal verdammt hart und schwer sein. Ja, wir Menschen machen uns das Leben leider all zu oft gegenseitig schwer. Und dann ist es aus mit dem Frieden – in uns und um uns herum. Unfriede, wie wir ihn gerade in der Ukraine miterleben, lässt die betroffenen Menschen dort nicht ruhig schlafen. Wenn wir in Angst und Sorgen leben, wenn wir innerlich aufgewühlt sind, dann schlafen auch wir schlecht – ein Zeichen dafür, dass es in uns innerlich nicht friedlich ist. Existenzsorgen, Streit in Familie oder Nachbarschaft, Krankheiten, Probleme im Beruf und vieles mehr können uns den Frieden und den Schlaf rauben. 
Nun will Jesus uns aber ermutigen. Er sprich davon, dass er uns seinen Frieden schenken möchte. Einen Frieden, der dadurch begründet ist, dass er diese Welt überwunden hat. 
Wenn Jesus uns seinen Frieden gibt, dann sind dadurch nicht all die anderen schweren Dinge einfach weg. Doch mitten im Sturm, mitten in der Angst, mitten in der Krankheit, mitten im Krieg und sogar im Angesicht des Todes dürfen wir im Gespräch mit unserem Herrn erleben und spüren, wie es in uns ruhig wird. 
Wir erkennen im Kreuz unseres Herrn alles Leid dieser Welt versammelt … Wir halten stand, sehen weiter hin, folgen Jesus noch ein Stück … und erleben den Ostermorgen mit. 
Nein, da wird nicht alles gut auf dieser Welt, aber alles wird anders. Ein neuer Horizont, eine neue Welt tut sich uns auf. Eine Welt ohne Kriegsgeschrei und ohne Leiden. Es ist die Welt, in der unser Herr nun lebt. Eine Welt, die uns durch Jesus Christus offensteht.
In jener Welt herrscht Jesus als Friedefürst und er lädt uns ein, dass wir schon hier und heute in seinen Herrschaftsbereich eintreten. 
Man sagt: Die Menschen müssen sich momentan entscheiden, in welcher Welt, in welchem politischen System sie leben wollen. Jesus hat nun einen viel weiteren Horizont eröffnet. Er lädt uns ein, in sein Friedensreich einzutreten, das hier auf dieser Welt schon beginnt und das in Gottes Ewigkeit zur Vollendung kommen wird.
Natürlich bleiben wir auch noch Bürger auf dieser Erde – doch in dem Wissen, dass wir hier nur Gäste sind. Unser Bürgerrecht und unsere Heimat sind bei Jesus, in seiner Welt … und dieses Wissen, diese Hoffnung schenkt uns Frieden, manchmal sogar in all dem Schweren, das wir hier durchleben und durchleiden müssen. 
So wünsche ich Ihnen und uns allen gerade jetzt in diesen Zeiten den Frieden Gottes, der höher ist als unsere eigene Vernunft.  
Joachim Heußer, Pfarrer